Mein Chef hat immer gesagt:
„Ein Gericht ist für mich erst dann wirklich fertig, wenn wir es schon wieder von der Karte nehmen.“
Früher musste ich über diesen Satz oft schmunzeln.
Heute, viele Jahre und unzählige Teller später, muss ich zugeben: Er hatte recht.
Die Wahrheit ist, dass ein Gericht nie wirklich fertig ist.
Alles beginnt mit einer Idee
Der erste Bärlauch im Frühjahr. Eine besonders aromatische Tomate im Sommer. Kürbis im Herbst.
Oft sind es besondere Produkte, die mich zu einem neuen Gericht inspirieren.
Manchmal ist es aber auch einfach…
… ein Geschmack.
… eine Erinnerung.
…oder die Frage, wie sich zwei Zutaten miteinander verhalten würden.
Und dann beginnt das, was ich am Kochen gleichzeitig liebe und manchmal auch verfluche: Das Ausprobieren.
Die erste Version ist selten die letzte
Es wird gekocht.
Probiert.
Verändert.
Neu gedacht.
Vielleicht braucht das Gericht mehr Säure. Vielleicht weniger.
Vielleicht fehlt eine Textur. Vielleicht fehlt es an unterschiedlichen Temperaturen.
Vielleicht fehlt noch eine Komponente.
Oder ist genau diese zusätzliche Komponente schon wieder zu viel?
Manchmal verbringt man Stunden damit, an einem einzigen Detail zu arbeiten.
Und manchmal merkt man nach dem ersten Bissen leider auch, dass die ursprüngliche Idee gar nicht funktioniert.
Auch das gehört dazu – auch wenn es manchmal schwer ist, dies zu akzeptieren.
Ich glaube, genau deshalb fasziniert mich das Kochen bis heute so sehr.
Wann ist weniger eigentlich mehr?
Eine der wichtigsten Lektionen, die ich in meiner Zeit in der Küche gelernt habe, war nicht, wie man etwas hinzufügt.
Sondern, wie man etwas weglässt.
Gerade wenn man voller Ideen steckt, möchte man oft noch mehr auf den Teller bringen.
Noch eine Sauce.
Noch eine Textur.
Noch eine Garnitur.
Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragen muss:
Braucht dieses Gericht das wirklich?
Oder versuche ich gerade nur, etwas zu perfektionieren, das eigentlich schon gut ist?
Ein Gericht entwickelt sich mit uns weiter
Das Spannende ist: Auch wenn ein Gericht auf der Karte steht, entwickelt es sich oft weiter.
Man verändert Kleinigkeiten.
Passt die Saison an.
Probiert eine neue Technik aus.
Oder stellt plötzlich fest, dass eine vermeintlich kleine Veränderung das gesamte Gericht besser macht.
Vielleicht hatte mein Chef deshalb recht.
Ein Gericht ist nicht fertig, wenn es serviert wird.
Und oft auch nicht, wenn es auf die Karte kommt.
Vermutlich ist ein Gericht nie wirklich fertig.
Wann ist ein Gericht für mich fertig?
Ein Gericht ist für mich dann fertig, wenn es genau das vermittelt, was ich damit ausdrücken möchte.
Wenn die Produkte im Mittelpunkt stehen.
Wenn die einzelnen Komponenten miteinander arbeiten und nicht gegeneinander.
Und wenn ich beim Probieren nicht mehr darüber nachdenke, was noch fehlen könnte.
Natürlich gibt es immer noch etwas, das man verändern könnte.
Noch eine Idee.
Noch eine Verbesserung.
Noch einen Gedanken.
Aber irgendwann muss man lernen, loszulassen.
Man muss lernen darauf zu vertrauen, dass ein Gericht genau so richtig ist, wie es in diesem Moment ist.
Vielleicht gilt dieser Satz nicht nur für Gerichte
Heute denke ich oft an den Satz meines Chefs zurück.
„Ein Gericht ist erst dann fertig, wenn es schon wieder von der Karte geht.“
Vielleicht steckt darin nicht nur eine Wahrheit über das Kochen.
Sondern auch über unsere persönliche Entwicklung.
Denn manchmal sind die Dinge, die wir erschaffen, nie wirklich abgeschlossen.
Sie entwickeln sich weiter.
Genau wie wir selbst.
Wir lernen in der Ausbildung zwar die Grundlagen des Kochens, aber ausgelernt haben wir nie.
Das macht diesen Beruf so besonders.


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